DER KREUZESBAUM ,
eine Geschichte aus der Begleitbroschüre zur Reliquienfassung 1882
Als Adam in den letzten Stunden
Des Todes Bitterkeit empfunden,
Da fühlt`er heftiges Verlangen
Nach jener Frucht, so einst im Paradiese
Am Lebensbaum gehangen,
Und um zu pflücken diese,
Eilt Seth gemäß des Vaters Worte
Hinan zur Paradiesespforte;
Der Engel aber mit dem Flammenschwert
Den Eintritt unverbittlich ihm verwehrt,
Dagegen übergibt er ihm ein Reis
Vom Lebensbaume aus dem Paradeis.
Seth trugs nach Hause unverweilt,
Doch Adam hatte schon der Tod ereilt. -
Da pflanzte Seth die Engelsgabe
Mit Sorgfalt über Adams Grabe.
Das Reis wuchs auf und schoß empor,
Trieb Blatt- und Blüthenschmuck hervor,
Und breitet segnend seine starken Äste
Und Zweige über Adams Überreste.
Und wuchs und grünte wohl an jenem Ort
Noch viele hundert Jahre fort. -
Da kam die Sündfluth und die Wasser steigen
Hoch über dieses Wunderbaumes Zweigen;
Doch als die Wasser wieder sich verzogen,
Kommt Noe`s Täubchen zu dem Baum geflogen
Und bricht ein Reis und trägt das Hoffnungsgrün
Dem Patriarchen in die Arche hin.
Und Noe pflegt das Reis und setzt mit seinem Sohn
Das Wunderbäumchen auf den Libanon,
Und wieder grünt und wuchs an jenem Ort
Der Baum wohl über tausend Jahre fort.
Als dann zum Tempel König Salomon
Das Holz sich kommen ließ vom Libanon,
Da suchte man das Edelste, doch kaum
Mocht einer edler sein, als Noe`s Baum.
Er wird gefällt, zum Tempel hingeführt;
Doch, wie man`s mit dem Baume auch probirt,
An keinem Platz des Tempels will er passen,
An keiner Stelle sich einfügen lassen.
D´rum legte man ihn unbenützt zur Seite.
Doch von dem Baume Sibilla prophezeite:
"An diesem Holz wird einst der Heiland sterben
Und Heil und Leben aller Welt erwerben".
Und so geschah´s, an dieses Baumes Stamm
Verblutete und starb das Gotteslamm.
Am Lebensbaum ließ es das Leben,
Um wahres Leben uns zu geben. -
Kreuzesfindung
Mit gotterleuchtet-frommem Sinn
Zieht Helena die Kaiserin,
Zur Leidensstätte Jesu hin.
Sie sucht den hehren Kreuzesstamm,
An dem das reine Gotteslamm
Die Sünden aller Welt hinnahm.
Nach mancher mühevoller Stund
Entdeckte man - welch´heil´ger Fund!
Drei Kreuze in der Erde Grund.
Im Zweifel, welcher dieser drei
Der wahre Baum des Lebens sei,
Bringt man ein krankes Weib herbei.
Zwei Kreuze zeigen keine Kraft,
Das dritte plötzlich Heilung schafft:
Kein Zweifel mehr, daß Jesus Christ
An diesem Kreuz gestorben ist.

Kreuzerhöhung
Chosroas, der Priesterkönig,
Raubte aus der heil´gen Stadt
Jenes Kreuz, an dem der Heiland
Für die Welt gelitten hat;
Schleppt es weg als Siegstrophäe
Unter frechem Hohn und Spott,
Aber bald ereilt den Frevler
Der am Kreuz gestorb´ne Gott:
Durch Heraclius, den Kaiser,
schlägt er ihn in heißer Schlacht.
Unter namenlosem Jubel
Wird das Kreuz zurück gebracht.
Reich geschmückt mit Kron´und Scepter,
Purpur, Gold und Edelstein
Will Heraclius, der Kaiser,
Christi Kreuzes Träger sein;
Will es tragen auf den Hügel,
wo das arme Gotteslamm
Tilgte aller Menschen Sünden
Einst an dieses Kreuzes Stamm.
Aber wie vom Engel Gottes
Angehalten, steht er da,
Kann das Kreuz nicht vorwärts bringen
Auf dem Weg nach Golgatha.
Arm und elend trug der Heiland
Einstens dieses Kreuzes Holz:
Nur der Arme kann ihm folgen,
Nur die Demuth, nicht der Stolz.
Darum legte ab der Kaiser
Scepter, Gold und Edelstein,
Und er konnte ungehindert
Christi Kreuzes Träger sein.