Mittelalterliche Bodenfliese aus der bei der Brandkatastrophe 1810 zerstörten Wolfgangskapelle (erbaut zwischen 1333 und 1382)

Auf der ca 20 cm x 20 cm großen Fliese ist die "dritte Eigenart des Löwen" nach dem Physiologus dargestellt.

Der Physiologus (etwa der Naturkundige) ist ein ursprünglich griechisch verfasstes Werk, in dem Eigenarten von Tieren, einigen Pflanzen und Steinen beschrieben werden und eine frühchristliche Deutung erleben.

Entstehungszeitraum: Zweites Jahrhundert nach Chr.

Entstehungsort: wahrscheinlich Alexandria, wo neben griechischen auch ägyptische, babylonische und indische Materialien zusammenflossen.

Die Bedeutung des Physiologus besteht weniger in seiner literarischen Qualität als in seiner enormen Verbreitung als "Volksbuch." Die gleichnishafte Deutung war eine beliebte Methode um Dinge zu erklären, die durch den bloßen Wortsinn der einfachen Bevölkerung nicht verständlich gemacht werden konnten.

Die Einleitung eines Kapitels erfolgt üblicherweise mit: "Der Physiologus sagt", abgeschlossen wird mit: "Schön sagt der Physiologus vom [Bsp. Löwen]." An den naturkundlichen Teil schließt eine christliche Auslegung.

Der Physiologus spricht dem Löwen drei Eigenarten zu:

Erste Eigenart: Wenn der Löwe im Gebirge geht, verwischt er mit dem Schwanz seine Spuren, damit ihn die Jäger nicht verfolgen können. [eine Deutung: So hat auch Christus, mein Heiland, der geistliche Löwe, der Sieger aus dem Stamme Juda, die Wurzel Davids, von dem unsichtbaren Vater geschickt, seine geistlichen Spuren verwischt, das heißt seine Gottheit. (Offenb. 5,5)]

Zweite Eigenart: Schläft der Löwe in der Höhle, so wachen seine Augen, sie sind offen. [eine Deutung: "Ich schlafe und mein Herz wacht." So schläft der Körper meines Herrn am Kreuz, seine Gottheit aber wacht zur Rechten, des Vaters." (Hohesl. 5,2) "Denn der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht." (Ps. 121,4)]

Dritte Eigenart: Wenn die Löwin das Junge gebiert, gebiert sie es tot und wacht bei der Leiche, bis am dritten Tag der Vater kommt und es erweckt, indem er ihm ins Gesicht bläst. [eine Deutung: ... So hat auch unser Gott, der Allherrscher, der Vater aller, am dritten Tage seinen erstgeborenen Sohn, der vor aller Schöpfung war, unseren Herrn Jesus Christus von den Toten auferweckt. (Kol. 1,15)]

Vom Physiologus gingen wichtige Impulse auf die Kunst des Mittelalters aus.

Das Motiv der "dritten Eigenart des Löwen" taucht bei den Zisterziensern auf Schlusssteinen, Konsolen oder Chorgestühlwangen auf. Ältestes Beispiel in Österreich ist das Flabellum in Kremsmünster (1170 - 1180).

Eine intakte Darstellung des Löwen mit den Jungen, wie wir sie in Lilienfeld vorfinden, dürfte auf Fliesen einmalig sein.

Literatur: P.Felix Vongrey, OCist., Ornamentierte mittelalterliche Bodenfliesen in Stift Lilienfeld, in ÖZKD, 26. 1972. p. 9 - 19; Treu Ursula, Physiologus, Naturkunde in frühchristlicher Deutung, 3. Auflg. Hanau 1998